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Mythen und Stereotype

Alltagsmythen verharmlosen häusliche Gewalt. Gesellschaftlich verbreitete Einstellungen und Kommentare wie „In jeder Ehe gibt’s manchmal Krach“, „Er war im Stress“, „Er schlägt nur, wenn er getrunken hat“ begünstigen die Bagatellisierung von Gewalt.


SonnenblumeDieses Verharmlosen hat zur Folge, dass das Verhalten des Täters gerechtfertigt und dem Opfer die Schuld gegeben wird.
Obwohl sich die Sozialforschung seit über 20 Jahren mit häuslicher Gewalt beschäftigt, sind nach wie vor Mythen und Vorurteile verbreitet. Sie erschweren es gewaltbetroffenen Frauen, über ihre Situation zu sprechen, und verhindern, dass sie adäquate Hilfe erhalten. Sie können dazu führen, dass Frauen sich selbst die Schuld an ihrer Situation geben und es vermeiden, an die Öffentlichkeit zu gehen.
Im Folgenden wird eine Auswahl der zentralen Mythen zu Gewalt gegen Frauen angeführt, die (immer noch) weit verbreitet sind:

Es handelt sich um Familienstreitigkeiten, nicht um Gewalt.
Ein wesentlicher Unterschied zwischen Gewalt und Streit liegt in der Position der Betroffenen. Beim Streit geht es um Interessenkonflikte unter Personen „auf gleicher Augenhöhe“. Soweit ungleiche Macht- und Abhängigkeitsverhältnisse unter den Streitenden bestehen und wenn von einer Person weitere Mittel wie körperliche Stärke und Waffen eingesetzt werden, um die eigenen Interessen durchzusetzen, spricht man von Gewalt. Bei Gewalttaten handelt es sich meist um strafrechtlich relevante Handlungen. Gewalt ist eine Verletzung von Menschenrechten und ein Unrecht sowohl im öffentlichen wie im privaten Raum.

Gewalt gibt es nur in bestimmten unteren sozialen Schichten und in Problemfamilien.
Häusliche Gewalt ist ein Phänomen, das mehr der Normalität angehört als der Pathologie und das Frauen aus allen sozialen Schichten betrifft. Gewalt gegen Frauen kommt in allen Ländern vor, quer durch alle Kulturen, Klassen und Herkunftsländer. Sie betrifft Frauen aller Bildungsgrade und Einkommensschichten sowie jeden Alters.

Frauen provozieren Gewalt.
Diese Einstellung gibt den Opfern die Schuld an der Gewalt und lenkt von der Verantwortung des Täters ab. Die vermeintliche „Provokation“ besteht meistens darin, dass Frauen sich nicht „gefügt“ haben, die Interessen des Partners zu bedienen. Täter nehmen patriarchalische, rollenstereotype Verhaltensweisen als selbstverständlich in Anspruch.
Berichte von Frauen zeigen, dass sie keineswegs das Verhalten des Täters beeinflussen können und sie Misshandlungen erleiden, unabhängig davon, ob sie es dem Partner recht gemacht haben oder nicht.

Ursachen männlicher Gewalt sind Alkohol/Drogen, psychische Probleme und Kontrollverlust.
Es gibt keinen ursächlichen Zusammenhang zwischen Alkoholmissbrauch und häuslicher Gewalt. Alkohol und Drogen können bei gewalttätigen Personen die Hemmschwelle herabsetzen. Es ist wichtig, die Problemfelder Alkohol und Gewalttätigkeit getrennt zu betrachten.
Psychische Krankheiten können zwar aggressive Verhaltensweisen verursachen, das Muster gewalttätigen Verhaltens ist jedoch erlernt.
Hinter den meisten Gewaltausbrüchen stehen Absicht und strategische Überlegungen. Es geht nicht um reine Affekthandlungen, wie Täter es oft zur eigenen Entschuldigung anführen. Die Gewalt wird nicht wahllos ausgeübt, sie findet in der Regel nicht gegen Kollegen und Vorgesetzte statt, sondern gegenüber der Partnerin im privaten Bereich.

Männer misshandeln Frauen, weil sie in ihrer Kindheit selbst Gewalt erlebt haben.
Es kommt vor, dass misshandelnde Männer in ihrer Kindheit selbst Opfer von Gewalt waren. Gewalterfahrungen bilden einen Risikofaktor für die weitere Anwendung von Gewalt. Kindheitserlebnisse wirken sich allerdings unterschiedlich aus (viele Frauen haben in der Kindheit ebenfalls Gewalt erfahren). Der Kreislauf lässt sich durchbrechen, die Gewalterfahrungen sind keine Rechtfertigung. Viele Täter entscheiden sich jedoch für Gewaltanwendung statt für eine Therapie.

Die Kinder brauchen den Vater, auch wenn er gewalttätig ist.
Es ist bekannt, dass die von Kindern miterlebte Gewalt zwischen den Elternteilen eine erhebliche Gefährdung des Kindeswohls darstellt, während Kinder mit einem ausgeglichenen alleinerziehenden Elternteil in einer sicheren Umgebung geborgen und körperlich wie psychisch gesund aufwachsen können. (Siehe auch: Miterlebte Gewalt)

Auch Frauen sind ihrem Partner gegenüber gewalttätig.
Erfahrungen in der Arbeit im Bereich der häuslichen Gewalt sagen weltweit aus, dass zwischen 90 und 95 % der Opfer häuslicher Gewalt Frauen sind, im gleichen Maße die Täter männlich. Körperverletzungen, die von Frauen an ihren Partnern begangen werden, stellen hingegen häufig Notwehrhandlungen dar, weisen im Vergleich zu männlicher Gewalt grundverschiedene Charakteristika auf und sind meist nicht durch Systematik und schädigende Absicht gekennzeichnet. (Siehe auch: Männliche Opfer häuslicher Gewalt)

Mythen zu Gewalt gegen Frauen beruhen auf falschen Erklärungszusammenhängen. Sie beinhalten in der Regel eine Verdrehung der Verantwortlichkeit und suggerieren nicht vorhandene Einflussmöglichkeiten der Opfer von Gewalt. Sie lenken ab von der tatsächlichen Verantwortung, tragen maßgeblich zu einer Isolierung der Opfer bei und bedeuten eine zusätzliche Gefährdung für die Betroffenen.