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Betroffene Personenkreise

Frauen, Kinder und Männer erfahren häusliche Gewalt, die sich in Ausmaß und Schwere stark unterscheidet. Rund 90% der Klientinnen/Klienten des Gewaltschutzzentrums Tirol sind weiblich.

 

1. Frauen
in ihrer Rolle als Ehefrau, Ex-Ehefrau, Lebensgefährtin, Ex-Lebensgefährtin, Freundin, Mutter, Großmutter, Tochter, Schwester, Tante, Nichte etc.
Häusliche Gewalt trifft Frauen in unterschiedlichen Lebenssituationen. Es gibt nicht die typische von häuslicher Gewalt betroffene Frau, wie es nicht die eine Form von häuslicher Gewalt gibt.
Von häuslicher Gewalt betroffene Frauen lassen sich bezüglich ihres Bildungsgrades, ihrer beruflichen und finanziellen Situation, ihres Alters, ihres Kulturkreises und ihrer gesundheitlichen Ausgangslage differenzieren. Das heißt, die subjektiven und objektiven Lebensbedingungen und die sich daraus ergebenden Handlungsressourcen und Reaktionsmöglichkeiten sind unterschiedlich, die Bewältigungsstrategien vielfältig.
Die österreichischen Gewaltschutzzentren, die infolge des Inkrafttretens des österreichischen Gewaltschutzgesetzes 1997 (siehe auch: Schutzmöglichkeiten für Opfer häuslicher Gewalt) als „Begleitmaßnahme“ zu diesem Gesetz eingerichtet worden sind, verzeichnen seit ihrem Bestehen in den statistischen Aufzeichnungen mehrheitlich, rund 90 %, weibliche (erwachsene) Personen als Opfer häuslicher Gewalt. Dazu ist zu bemerken, dass es sich dabei um die bekannt gewordenen Gewalthandlungen an Frauen handelt. Studien (2004) in Deutschland bestätigen die Dunkelfeldschätzungen zu häuslicher Gewalt gegen Frauen, wonach „jede zweite bis dritte Frau körperliche Übergriffe in ihrem Erwachsenenleben … erlitten hat.“ (1)

2. Kinder
Siehe Gewalt am Kind und Miterlebte Gewalt.

3. Männer
Die Anzahl an Männern als Opfer häuslicher Gewalt wird vom Gewaltschutzzentrum Tirol anhand der statistischen Daten der Jahre 2007 bis 2009 mit rund 10 % beziffert. Dabei ist festzustellen, dass es sich zu einem großen Teil um männliche Täter (bspw. Vater, Bruder, Sohn) handelt.
Männliche Opfer häuslicher Gewalt wurden dem Gewaltschutzzentrum Tirol bis 2006 im Ausmaß von einstelligen Prozentzahlen der jährlichen Gesamtaufnahmen von Opfern häuslicher Gewalt bekannt. Statistische Daten können weder das tatsächliche Ausmaß der Gewalterfahrungen von Frauen und Männern noch deren geschlechtsspezifische Verteilung erfassen, abgebildet wird ein Ausschnitt. Es ist anzunehmen, dass der im Jahr 2009 gemessene Anteil von rund 10 % männlicher Klienten im Gewaltschutzzentrum Tirol wie bei den 90 % erfassten weiblichen Klientinnen dieses Zeitraums nur einen kleinen Teil der tatsächlichen Realität gewalttätiger Handlungen in engen sozialen Beziehungen aufzeigt. Das Beratungs- und Unterstützungsangebot richtet sich daher ebenso an männliche Opfer häuslicher Gewalt.
Im häuslichen Kontext erfahren die von den Beraterinnen des Gewaltschutzzentrums unterstützten Männer zu einem großen Teil Gewalt durch ihre Geschwister, ihre Eltern oder andere Familienmitglieder. Der Anteil von Täterinnen/Gefährderinnen, die gegenüber ihren Partnern (Ehemänner, Lebensgefährten) gewalttätig sind, ist im Verhältnis zur Zahl der erfassten männlichen Täter gering.
In Deutschland wird seit den 1990er-Jahren zu den Gewalterfahrungen von Männern geforscht. Befragungen im Rahmen von Pilot-/Prävalenzstudien ergaben unter anderem, dass keiner der Befragten angegeben hatte, von der Partnerin verprügelt oder zusammengeschlagen worden zu sein (dagegen 23 % der von häuslicher Gewalt betroffenen Frauen in der Prävalenzstudie aus 2004) (1). Bei den Übergriffen der Partnerinnen handelte es sich nach Aussagen der Befragten um weniger schwerwiegende Gewalthandlungen, wie etwa Wegschubsen, leichte Ohrfeigen, schmerzhafte Tritte und Beißen/Kratzen. Die genannte deutsche Studie kommt zu dem Ergebnis, dass bei einer nicht nach Schweregraden der Gewalttätigkeiten differenzierten Betrachtungsweise „Männer und Frauen gleichermaßen häufig körperliche Übergriffe in (heterosexuellen) Paarbeziehungen erleben.“
Vergleichbare Forschungsergebnisse liegen für Österreich nicht vor, das Datenmaterial der österreichischen Gewaltschutzzentren/Interventionsstellen gibt derzeit noch keine Auskunft über ein auffallendes Ansteigen der Zahl von Frauen, die ihren Männern oder Lebensgefährten gegenüber gewalttätig geworden sind – auch nicht im vielfach vermuteten Bereich der psychischen Gewalt.
Die Diagnose „Häusliche Gewalt als Ursache von Verletzungen oder gesundheitlichen Folgeerscheinungen“, wird auch bei Männern zutreffend sein – wenn auch nicht in der von Frauen erlebten Häufigkeit und Schwere.

 

Literatur:

(1) Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (Hrsg.): Lebenssituation, Sicherheit und Gesundheit von Frauen in Deutschland. Bonn: Publikationsversand der Bundesregierung, 2004.