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Migration in Tirol

 

Bei von häuslicher Gewalt betroffenen Menschen mit Migrationshintergrund ist besondere Aufmerksamkeit von Ärztinnen/Ärzten und Gesundheitspersonal gefragt, da aufgrund von Sprachbarrieren und der hohen Tabuisierung des Themas häusliche Gewalt – insbesondere bei Personen mit türkischer Herkunft – die Gefahr besteht, dass schwerste Gewalttaten verborgen bleiben und die Opfer somit keinen Zugang zu lebenswichtigen Hilfs- und Unterstützungsangeboten bekommen. Die folgenden Informationen sollen dazu beitragen, den Umgang mit Migrantinnen/Migranten im medizinischen/pflegerischen Bereich bestmöglich zu gestalten, diese besser verstehen und somit besser unterstützen zu können.
Ein Blick auf die demografischen Daten aus dem Jahr 2004 zeigt, dass 10 % (69 201) der in Tirol lebenden Bevölkerung einer anderen als der österreichischen Nationalität angehören. 19 % (13 176) dieser Personen kommen aus der Türkei, 31 % (21 645) stammen aus den jugoslawischen Nachfolgestaaten. Diese beiden Gruppen bilden zusammen die Hälfte der ausländischen Wohnbevölkerung Tirols. Die zweite Hälfte besteht zu 40 % aus Bürgerinnen/Bürgern anderer EU-Länder und zu 10 % aus Angehörigen von Nicht-EU-Staaten.
Die Beratungserfahrung im Gewaltschutzzentrum Tirol zeigt, dass von Gewalt betroffene Frauen beispielsweise aus den jugoslawischen Nachfolgestaaten oder anderen Ländern über bessere Deutschkenntnisse verfügen als Migrantinnen aus der Türkei.
Die Hinweise zur Gesprächsführung im vorliegenden Artikel beziehen sich beispielhaft auf Migrantinnen türkischer Herkunft.
Wenn man von von häuslicher Gewalt betroffenen Personen aus der Türkei spricht, meint man damit zu weit über 90 % Frauen. Diese Zahl stimmt in etwa mit jener österreichischer von häuslicher Gewalt betroffener Frauen oder von Frauen mit anderem Migrationshintergrund überein. In den folgenden Ausführungen wird daher von Frauen gesprochen.

Gewaltbetroffene Frauen aus der Türkei
Die in Tirol lebenden türkischen Frauen stammen großteils aus ärmeren ländlichen Regionen der Türkei, einem Dorf oder einer Kleinstadt, und haben zumeist ausschließlich eine Grundschulausbildung absolviert. Einige wenige sind, wie wir aus unseren Aufzeichnungen (Gewaltschutzzentrum Tirol) wissen, Analphabetinnen. Der Aufenthalt türkischer Frauen in Österreich, in Tirol basiert zumeist auf einer Eheschließung mit einem hiesigen türkischen Mann oder einer bereits bestehenden, in der Türkei geschlossenen Ehe (arrangierte Ehe oder Zwangsehe), worauf die durch die Republik Österreich bewilligte Familienzusammenführung folgt. (Zwangsehen kommen nicht nur bei türkischen Mädchen und Frauen vor, sondern auch bei jenen, die aus anderen Gesellschaften stammen, welche konservative und patriarchalische Strukturen aufweisen, wie Indien, Roma, islamische Länder.) Wenn diese Frauen nach Österreich kommen, werden sie meist in eine türkische Familie eingeschlossen und leben von der Umwelt abgeschottet ausschließlich dort. Viele wissen über den Staat, das Land, die Stadt oder den Ort, in dem sie leben, nichts und dürfen die Wohnung nur in Begleitung verlassen. Ihre Aufgaben konzentrieren sich ausschließlich auf den Haushalt, die Kindererziehung und den Ehemann, oft auch auf die Familie des Ehemannes. Kontakte zu Inländerinnen/Inländern sind nicht erwünscht. Diese Frauen haben keine Möglichkeit und keine Erlaubnis, die deutsche Sprache zu lernen oder außer Haus einer Arbeit nachzugehen. Ein Versuch, mit Personen außerhalb der Familie in Kontakt zu treten, kann schnell mit physischer Gewalt unterbunden werden. Der Ehemann, aber auch nahe männliche Angehörige misshandeln viele dieser Frauen durch physische Gewalt und mit gefährlichen Drohungen – sehr oft auch mit der Drohung, sie in die Heimat zurückzuschicken. Ein Zurück in die Türkei bedeutet für diese Frauen den gesellschaftlichen und in manchen Fällen den realen Tod, da sie als Geschiedene von der Gesellschaft insbesondere in den ländlichen Bereichen geächtet werden und als Quelle der Sünde gelten. In der Türkei sind Frauen die Trägerinnen der Familienehre. Diese zu schützen, ist jedoch Aufgabe der Männer in der Familie, da Frauen als „sexuelle Wesen“ nicht in der Lage seien, ihre Ehre selbst zu schützen. Dieses Reduzieren der Frau auf ihre Sexualität ist in vielen islamischen Ländern vorhanden. Speziell für die Türkei ist jedoch zu erwähnen, dass diese seit 29. Oktober 1923 eine laizistische Republik ist und vor dem Gesetz Frauen und Männer gleich sind. Deshalb gibt es in der Türkei, hauptsächlich in den Großstädten, sehr wohl auch noch ein anderes, ein an demokratischen Werten orientiertes, weltoffenes Frauenbild.

Hinweise zur Gesprächsführung

Angenommen, es kommt eine türkische Frau mit dem oben geschilderten Lebenshintergrund nach einem Gewaltvorfall ins Krankenhaus. Sie wird niemals allein kommen. Entweder wird der Mann, der Schwiegervater oder die Schwiegermutter die Frau begleiten, damit sie die Verletzungen mit einem Sturz oder einem Unfall im Haushalt erklärt. In so einem Fall ist es für die Patientin besonders wichtig, dass die Anamnese mit einer Dolmetscherin ohne Anwesenheit der Angehörigen durchgeführt wird, da die Frau während dieses Gesprächs die Chance hat, Informationen über Hilfs- und Unterstützungsangebote zu bekommen. Es ist hilfreich, wenn das Gespräch von einer Ärztin geführt wird, da sich türkische Frauen aufgrund der geschilderten Stellung der Frau in der türkischen Gesellschaft einer Ärztin eher anvertrauen als einem Arzt. Wenn eine Ärztin die Untersuchung durchführt, akzeptieren die männlichen Begleiter eher, dass sie den Untersuchungsraum verlassen sollen. Weiters fällt es der Patientin in Anwesenheit einer Ärztin leichter, sich auszuziehen, sodass alle Verletzungen dokumentiert werden können. Wichtig ist, der Patientin zu vermitteln, dass es auch in ihrer Situation Hilfe gibt. In dem Zusammenhang ist zu erwähnen, dass die Innsbrucker Univ.-Klinik für medizinische Psychologie eine Gruppe für türkische Migrantinnen anbietet, in der die Frauen unter professioneller Anleitung mit anderen Frauen in Kontakt treten und über ihre Situation sprechen können. Auch das Institut für Psychologie der Universität Innsbruck bietet eine Gruppe für türkische Migrantinnen an, in der sich die Frauen (vormittags oder nachmittags) in der Gruppe stärken und Kontakte knüpfen können.