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Migration in Südtirol

 

Häusliche Gewalt ist in allen Kulturkreisen verbreitet und betrifft sowohl Frauen mit als auch Frauen ohne Migrationshintergrund.
Für Migrantinnen ist es in jeder Hinsicht schwieriger, sich als Fremde in einer fremden Umgebung zu bewegen und allgemein Ressourcen zu aktivieren.
Soziale, kulturelle, politische und wirtschaftliche Lebensumstände sind bestimmende Faktoren dafür, wie sich das Gewalterleben auf Frauen auswirkt. Frauen, die sich als Außenseiterinnen fühlen oder gesellschaftlichen Diskriminierungen ausgesetzt sind, haben häufig einen begrenzten Zugang zu Hilfsangeboten, und dies erleichtert es der misshandelnden Person, die Frau zu isolieren und in der Gewaltsituation zu halten. Für Migrantinnen können Aspekte wie hohe Tabuisierung, traditionelle Ehe- und Partnerschaftsvorstellungen, Angst vor dem Verlust der ethnischen Bindung, Bedrohung des aufenthaltsrechtlichen Status, ein Offenlegen von Misshandlungen erschweren. Sie befinden sich daher oft in einer Situation extremer psychischer und auch physischer Belastung.
Keinesfalls erfahren Migrantinnen nur von Angehörigen ihrer eigenen Kultur Gewalt. Häufig erleben sie auch in Beziehungen mit Staatsbürgern des Aufnahmelandes häusliche Gewalt.


Migrationshintergrund – Migrationsbewegungen: Zusammenhang mit häuslicher Gewalt

Definition von Migration
Jeder Mensch ist ein Migrant. Es gibt unterschiedliche Formen der Migration: vom Dorf in die Stadt, von einem Land in ein mehr oder weniger weit entferntes und fremdes Land. In diesem Sinne haben sehr viele von uns entweder selbst oder innerhalb der Familiengeschichte Migrationserfahrungen. Migrationsbewegungen können verschiedene Ursachen haben. Oft sind sie mit der Suche nach besseren wirtschaftlichen Lebensbedingungen, mit Kriegen oder mit politischer Verfolgung oder Flucht verbunden. Um die Situation von Migrantinnen besser verstehen zu können, ist es wichtig, auch die Geschichte der Migration in der jeweiligen Region und deren Auswirkungen zu kennen.

 

Demografische Situation in Südtirol

Migration Südtirol

Quelle:
Autonome Provinz Bozen, Abteilung 24 Sozialwesen: Sozialstatistik 2008. www.provinz.bz.it/astat

Am 31. Dezember 2007 betrug die Zahl der ansässigen Migranten und Migrantinnen in Südtirol 32 945, das sind 6,7 % der Gesamtbevölkerung (491 266). Von diesem Anteil sind knapp mehr als die Hälfte weiblichen Geschlechts (50,65 %).
Dazu kommen noch illegale und irreguläre Einwanderinnen und Einwanderer, deren Anzahl statistisch nicht erfasst ist.
Nähere Informationen zur statistischen Erhebung der Situation von Migrantinnen und Migranten in Südtirol: www.provinz.bz.it/astat

Psychosoziale Auswirkungen der Migration
Migration ist meistens verbunden mit Erfahrungen wie Verlust, Trennung, Abschied und Neuanfang. All dies sind Erfahrungen, die besondere psychische Kräfte erfordern und starke Belastungen darstellen. Sind die Rahmenbedingungen im Einwanderungsland, sei es privat oder gesellschaftlich, nicht adäquat, kann dies zu Verunsicherung, Krisen und traumatischen Erfahrungen führen.
Migration und die genannten schwierigen Rahmenbedingungen erhöhen im Allgemeinen für Frauen das Risiko für das Erleben von Gewalterfahrungen. Dazu zwei Beispiele:
Emigriert die Frau zusammen mit ihrer Familie, kann es durch die veränderte Lebenssituation sowie die allgemeine Verunsicherung und Belastung zur Destabilisierung von bisherigen Rollenverteilungen und bisherigen Wertevorstellungen innerhalb des Familiensystems kommen, was Konflikte und auch Gewalt auslösen oder verschärfen kann.
Wandert eine Frau allein in ein fremdes Land aus, können ihre familiär-sozial isolierte Position, mangelnde rechtliche und allgemeine Informationen im Aufnahmeland, sprachliche und ökonomische Schwierigkeiten ausgenutzt werden, um sie in einer Abhängigkeits- und Gewaltsituation festzuhalten.

Rassismus und Migration
Wenn Menschen in ein Land einwandern, sind sie auch mit den strukturellen und gesellschaftlichen Bedingungen des Einwanderungslandes konfrontiert. Vorurteile und alltäglicher Rassismus gegenüber bestimmten Gruppen von Menschen, die oft nur als „Ausländer/innen“ oder Fremde wahrgenommen werden – beispielsweise aufgrund ihres Aussehens, ihrer Sprache oder vermuteter Hintergründe – sind Ausdruck einer Gesellschaft, die auf verschiedenen Ebenen rassistisch organisiert ist. In diesem Sinne werden Migrantinnen auch mit einem institutionellen Rassismus konfrontiert, der sich durch restriktive Gesetzgebung, durch Beschränkungen des Zugangs zum Arbeitsmarkt und zu Sozialleistungen oder durch Hürden beim Erwerb der Staatsbürgerschaft ausdrückt. Solche gesetzlichen Rahmenbedingungen erhöhen die Abhängigkeit der Migrantin von ihrem gewalttätigen Ehemann und erleichtern ihm seine Macht- bzw. Gewaltausübung. Beispielsweise kann der gewalttätige Mann der Frau drohen, die Kinder zu entführen und sie ins Ausland zu bringen, den unsicheren Aufenthaltsstatus ausnutzen, ihr drohen, sie zurückzuschicken oder ihr verweigern, Sprachkurse zu besuchen.

Die spezifische Situation von Migrantinnen, die von häuslicher Gewalt betroffen sind
Gewaltbetroffene Frauen können ihre Situation oftmals nur schwer ohne äußere Hilfe ändern. Bei der Suche nach Hilfe und Unterstützung bei häuslicher Gewalt stehen Migrantinnen nicht selten vor besonderen – ökonomischen, kulturellen und rechtlichen – Barrieren. Sie leben oft völlig isoliert und sprachliche Schwierigkeiten können ihre Suche nach Information und Hilfe stark behindern. Trennung und Scheidung können kulturell eine schwer akzeptable Lösung sein. Durch negative Erfahrungen oder Falschinformation durch den Misshandler fehlt ihnen möglicherweise das Vertrauen zu den Ordnungskräften sowie zu Gesundheits- und Sozialdiensten.
Weitere Hürden für Migrantinnen können eine hohe Tabuisierung der Gewalt, ein traditionelles Verständnis von Ehe und Partnerschaft, die existenzielle Abhängigkeit vom Partner und die Angst, von der ethnischen Gemeinschaft ausgeschlossen zu werden, sein. Nicht zuletzt ist es ausschlaggebend, wie der Aufenthaltsstatus der Frau geregelt ist. Es kommt häufig vor, dass Misshandelnde den unsicheren Aufenthaltsstatus von Migrantinnen nutzen, um sie einzuschüchtern, an sich zu binden und ihrem Willen zu unterwerfen.
Dennoch haben Migrantinnen ebenso wie einheimische Frauen das Recht auf ein Leben ohne Gewalt und Anspruch auf einen effektiven Schutz vor Gewalt. (Siehe auch: Fallbeispiel Migrationshintergrund und Fallbeispiel Intervention sowie Italienisches Ausländer/innenrecht)

Hinweise für die Beratung von Patientinnen mit Migrationshintergrund

Migrantinnen, die häusliche Gewalt erfahren, können kaum ohne Hilfe von außen Auswege aus der Gewalt finden. Häufig erfahren sie wenig Unterstützung in ihrem sozialen und familiären Umfeld. Der Zugang zu den Gesundheitsdiensten stellt daher für sie eine besonders wichtige Gelegenheit dar, offen oder verdeckt Hilfe zu suchen.

Rahmenbedingungen für das Gespräch

Grundsätzlich gelten auch für Migrantinnen dieselben Richtlinien wie für alle Frauen, die häusliche Gewalt erfahren (siehe auch: Gesprächsführung). Dennoch ist es aufgrund der Migrationserfahrung und der spezifischen Situation von Migrantinnen besonders wichtig, auf folgende Rahmenbedingungen zu achten, die das Vertrauen fördern.
Migrantinnen werden bei ärztlichen Visiten in den Gesundheitsdiensten oft, auch unter dem Vorwand der sprachlichen Schwierigkeiten, begleitet (Misshandler, andere Verwandte …).

  • Das Gespräch mit der Frau allein führen, nur so kann sie die Gewalterfahrung ansprechen.
  • In keinem Fall die Begleitpersonen mit der Rolle der Übersetzung betrauen.
  • Bei großen sprachlichen Schwierigkeiten der Frau Kulturvermittler/innen oder Dolmetscher/innen hinzuziehen. Um dies zu organisieren, kann es hilfreich sein, die Frau zu einer weiteren Visite einzuladen.
  • Die Untersuchung und das Gespräch mit der Patientin von oder im Beisein einer weiblichen Fachkraft durchführen lassen. Dadurch akzeptiert die Begleitperson eher, die Frau allein zu lassen, diese kann eher über die Gewalterfahrung sprechen und sich leichter auf die Untersuchung einlassen.


Das Gespräch mit der Patientin

Wie generell für die Beratung von Frauen, die von häuslicher Gewalt betroffen sind, gilt auch für Migrantinnen, dass Strategien der Unterstützung nur dann sinnvoll sind, wenn die jeweilige Situation der Frau erkannt, respektiert und ernst genommen wird. Wenn gewaltbetroffene Frauen erleben, dass ihnen Lösungsvorschläge nach den Wunschvorstellungen der Helfer/innen übergestülpt werden, kann es leicht geschehen, dass diese zurückgewiesen werden und die Frauen den Kontakt abbrechen. Unterstützungsmaßnahmen können nur dann schützend wirken, wenn sie im Einverständnis mit der Frau eingeleitet werden. Das Gespräch mit der Patientin ist unverzichtbar, um Gewalterfahrungen anzusprechen und eventuell Hilfsangebote machen zu können. Die allgemeinen Richtlinien für das Gespräch mit der Patientin (siehe auch: Gesprächsführung) gelten auch im Falle von Migrantinnen. Folgende Besonderheiten sollten hier jedoch berücksichtigt werden:

  • Sprachliche Schwierigkeiten der Patientin erfordern eine einfache und klare Sprache, das Beachten von non-verbaler Kommunikation und das Eingehen darauf.
  • Wenn notwendig, mit der Patientin vereinbaren, ein Gespräch mit einem/einer Dolmetscher/in oder Kulturvermittler/in zu organisieren.
  • Aufgrund der sprachlichen Schwierigkeiten mehr Zeit einplanen, eventuell neuerliche Terminvereinbarung.
  • Um Ängste und vermehrtes Misstrauen abzubauen, alle Interventionen einfach und genau erklären.
  • Der Frau versichern, dass alle Informationen absolut vertraulich behandelt werden und nicht an die Begleitperson weitergegeben werden dürfen.


Hinweise für die Zusammenarbeit mit Übersetzerinnen und Übersetzern sowie Kulturvermittlerinnen und -vermittlern
Der Einsatz von Dolmetscherinnen/Dolmetschern oder Kulturvermittlerinnen/-vermittlern erleichtert nicht nur die Verständigung mit der Migrantin, sondern vermittelt ihr auch das Gefühl, samt ihrem kulturellen Hintergrund ernst genommen zu werden.
In der Zusammenarbeit mit Dolmetscherinnen/Dolmetschern oder Kulturvermittlerinnen/-vermittlern ist es ratsam, ein vorbereitendes Gespräch mit diesen zu führen, um klare Vereinbarungen bezüglich Verschwiegenheitspflicht und 1:1-Übersetzung zu treffen. Es ist auch sinnvoll, im Umgang mit Migrantinnen, die von häuslicher Gewalt betroffen sind, weibliche Dolmetscherinnen oder Kulturvermittlerinnen vorzuziehen. (Siehe auch: Fallbeispiel Intervention)

Das Gespräch mit der Patientin:

  • Auf die Sitzordnung achten, günstig ist das Sitzen in einem Dreieck.
  • Die Patientin über die mit der Dolmetscherin oder Kulturvermittlerin getroffenen Vereinbarungen informieren.
  • Der Patientin erklären, dass auch die Dolmetscherin oder Kulturvermittlerin der Verschwiegenheitspflicht unterliegt.
  • Mit der Patientin Blickkontakt halten, nicht mit der Dolmetscherin oder Kulturvermittlerin.
  • In kurzen Einheiten sprechen, da nur so eine vollständige Übersetzung möglich ist.

 

Verwendete und weiterführende Literatur:
Vgl. Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend: Qualität in der Arbeit mit von Gewalt betroffenen Migrantinnen. Ein Projekt der Interkulturellen Initiative e.V. im Rahmen des entimon-Programms. Berlin: 2006.

Vgl. Hellbernd H.: Häusliche Gewalt gegen Frauen: gesundheitliche Versorgung – das S.I.G.N.A.L.-Interventionsprogramm (gefördert von Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend – Deutschland)

Vgl. Beratungsstelle gegen Gewalt, Frauenhaus Meran, Tiroler Frauenhaus, Verein „Frauen gegen VerGEWALTigung“ (Innsbruck), Frauennotruf München: Vielseitig – Interkulturelles Arbeiten. Beratung und Begleitung von Migrantinnen mit Gewalterfahrung. Arbeitsmappe. Daphne-Programm 2000–2003.

Vgl. Landespräventionsrat Niedersachsen: Migrantinnen als Opfer häuslicher Gewalt. Informationen für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter kommunaler Ausländerbehörden. Koordinationsprojekt „Häusliche Gewalt“.

Vgl. Müller U., Schröttle M.: Lebenssituation, Sicherheit und Gesundheit von Frauen in Deutschland. Eine repräsentative Untersuchung zu Gewalt gegen Frauen in Deutschland. Im Auftrag des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Berlin: 2004.